Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Veranstaltungen_Redaktion Oktober_Redaktion Geschichte und Gegenwart von Märtyrern in verschiedenen Religionskulturen
Artikelaktionen

Geschichte und Gegenwart von Märtyrern in verschiedenen Religionskulturen

Was Konferenz
Wann 25.10.2007 17:00 bis
27.10.2007 21:00
Wo Zentrum fuer Literatur- und Kulturforschung, Schuetzenstr. 18, 10117 Berlin-Mitte
Name Dr. Dirk Naguschewski
Contact Email
Kontakttelefon ++49 / 30 / 20192-180
Termin übernehmen vCal
iCal

Auf der Jahrestagung des ZfL wird aus einer interdisziplinär-vergleichenden Perspektive die Figur des Märtyrers untersucht. Dazu kommen Religionswissenschafter mit Literatur- und Kulturwissenschaftlern sowie Kunst- und Bildwissenschaftlern zusammen.

Bei der unerwarteten Wiederkehr der Religion in Politik und Kultur jener westlichen Gesellschaften, die sich als weitgehend säkularisiert begreifen, stellen die Märtyrer eine besonders beunruhigende Komponente dar. Durch ihren gewaltsamen Tod als ,(Blut-) Zeuge‘ sollen sie jene ,Wahrheit‘ öffentlich bestätigen, die im Register der Religion tradiert, ausgelegt und angewandt wird. Besonders im Kontext der palästinensischen und irakischen Selbstmordattentäter tauchen neben Zitaten aus der muslimischen und christlichen Ikonographie und Hagiographie aber auch Chiffren der Pop- und Subkultur auf, die darauf hinweisen, daß Märtyrer allgemeinere kulturelle Vorstellungen der Deutung und Verarbeitung von Katastrophen, Gewalt und Tod performieren.
Die Figurationen des Märtyrers sind zum einen geeignet, die verborgenen religionsgeschichtlichen Grundlagen der Moderne sichtbar zu machen. Zum anderen erweisen sie sich aber auch als Figuren einer kulturellen Praktik, die auf Transformationen und Umkehrungen zielt. Sie vermögen Verschiebungen zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen den Geschlechtern und den Generationen herzustellen, um sie sodann neu und dauerhafter zu knüpfen. Sie verkörpern Affekte und stellen sie in Pathosformeln dar, in denen Ekstase sich ununterscheidbar zwischen mystischer Ergriffenheit und dem kaum noch erträglichen Schmerz der Tortur bewegt. Deshalb verkörpert der Märtyrer, einem Revenant gleich, die Formensprache der abendländischen Imaginations- und Bildgeschichte seit der Antike.
In interdisziplinärer Perspektive, unter Beteiligung von Vertretern der Kunst-, Literatur- und Religionswissenschaft sowie von solchen aus Arabistik, Judaistik und Turkologie, soll eine internationale Tagung die Traditionen und Wandlungen des Märtyrers in den verschiedenen Religionen und Kulturen diskutieren. In sie ist der Islam ausdrücklich neben Judentum und Christentum eingeschlossen. Durch die Vielfalt und Variation auch innerhalb der einzelnen Religionskultur ist es möglich, das hermetische Bild der einen ,großen Tradition‘ (Clifford Geertz) aufzubrechen und zu zeigen, daß Verbindungen oft quer und zwischen benachbarten Religionen verlaufen. Gerade die Figur des Märtyrers vermag dies schon durch ihre Entstehungsgeschichte zu veranschaulichen. Ihre Urszenen in der Konstruktion von Ursprüngen und Begründungen, ihr Nachleben in Formen von Überlieferungen und Umdeutungen, ihre Schauplätze und Einschreibungen in die Register von Religion und Politik, Literatur und Kunst zu entziffern, ist Ziel dieser kulturwissenschaftlichen Tagung.
Dabei sollen unterschiedliche Zugänge zur Erklärung der andauernden Faszination und der Geschichte der Märtyrer diskutiert werden: (Religions-) geschichtliche Urszenen, kulturanthropologische Zugänge (Opfer und Kultur), Politische Theologie, der Märtyrer als Übergangs- und Transferfigur, Repräsentationen und Inszenierungen (mediale, ikonographische Aspekte).


Programm


25. Oktober, ab 17 Uhr

Märtyrer auf aktuellen Schauplätzen: Zur Ambivalenz des Märtyrertums. Libanesische Reflektionen; Islamische Märtyreroperationen und ihre Botschaft. 

26. Oktober, ab 9.30 Uhr
Antike Ursprünge – die Formierung der Märtyrerfigur; Greek/Jewish Models of Martyrdom and Heroism; Jewish Martyrdom and Jesus’ Death; Perpetua’s Passion for Literature. Der Märtyrer als Held der Religionsgeschichte: Heldentod und Weltentsagung im Bild Imam Alis in der Zwölfer- Schia; Transgenerational Sin and Vicarious Atonement in Rabbinic Martyrology? Protestantische Makkabäer in der frühen Neuzeit: Sammeln, Lesen, Sehen.  Zur Konstitution protestantischer Märtyrerkultur; Körper – Schnitt – Bild: Martyriumsdarstellungen auf Kopf- und Büstenreliquiaren.

27. Oktober, ab 9.30 Uhr
Pathos und Passion. Ästhetische Grenzfiguren in der arabischen Dichtung;
Souveränität im Schmerz: Die Tortur des Martyriums. Athleten des Leidens: Die Autorität der Gewalt und die Verkörperung des Martyriums; Das Opfer und das Subjekt der Moderne, Martyrdom: Cultural Norms and Individuality; Martyrium als interreligiöses Skandalon in jüdischen Schriften der Moderne.
Heroismus und Politik im20. Jahrhundert: Kulte des Todes – Enthusiasmus
des Sterbens: Opfer, Krieg und Männlichkeit um 1900; Martyr, Sacrifice, Victim: Conflicting Models of Heroism in Zionist Discourse and Hebrew
Literature; Pavlik Morozov – ein sowjetischer „Helden-Pionier“. 


Der Eintritt ist frei.


Weitere Informationen über diesen Termin…