BBAW/PM-04/2015 | 17.04.2015 |

Theoria cum praxi – Wissenschaft zwischen Neugierde und Nutzen Auftakt zum neuen Jahresthema 2015|16 der Akademie „Leibniz: Vision als Aufgabe“

Mit der öffentlichen Tagung „Theoria cum praxi – Wissenschaft zwischen Neugierde und Nutzen“ hat die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften jetzt das neue, ihrem Gründungsvater gewidmete Jahresthema 2015|16 „Leibniz: Vision als Aufgabe“ begonnen.

 

Anlass des Jahresthemas ist das doppelte Leibniz-Jubiläum im Jahr 2016 (370. Geburtstag am 1. Juli und 300. Todestag am 14. November). Die Veranstaltungen, die in den nächsten zwei Jahren unter dem Titel „Leibniz: Vision als Aufgabe“ stattfinden werden, sollen nicht nur historische Rückschau sein, sondern den Philosophen, Mathematiker, Physiker, Historiker, Diplomaten, Politiker und Bibliothekar Gottfried Wilhelm Leibniz vor allem als visionären Denker zeigen. Sein multidisziplinäres Gesamtwerk ist bis heute Impulsgeber für Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Mit dem Jahresthema blickt die Akademie weit in die Zukunft und greift Leibniz‘ Ideen für die Gestaltung einer Welt von morgen auf.

 

Im Fokus der Auftaktveranstaltung stand Leibniz‘ berühmtes Diktum „Theoria cum praxi“, Ausdruck seiner Bemühungen um die Einheit der Wissenschaft wie auch um ihre Verantwortung jenseits einer Trennung von Theorie und Praxis. Diese Fragen sind heute vor allem für die angewandten Wissenschaften relevant, aber auch die Grundlagenforschung ist hier angesprochen: Welchen Nutzen bringt es, nach Antworten zu suchen, ohne die Fragen zu kennen? Und wieviel Theorie braucht die Praxis?

 

Im ersten Teil der Tagung „Theoria cum praxi – Wissenschaft zwischen Neugierde und Nutzen“ am 17. April 2015 widmeten sich die Philosophen Hans Poser (TU Berlin) und Volker Peckhaus (Universität Paderborn), der Technikhistoriker Ludolf von Mackensen (Universität Kassel) und der Kunsthistoriker Horst Bredekamp (HU Berlin) diesen Fragen im Hinblick auf eine (mögliche oder wünschenswerte?) Einheit der Wissenschaft. Diskutiert wurde die These, dass „Wissenschaft als Schnittstelle von Forschung und Leben, von Grundlagen und Anwendung“ zu begreifen ist, wie es der Philosoph Jürgen Mittelstrass einleitend formulierte.

 

Hans Poser beleuchtete in seinem Vortrag die Herausforderungen, die mit Leibniz’ Anspruch einhergehen, Wissenschaft mit praktischem Nutzen zu verbinden. Das praktische Erfahrungswissen um bestimmte Tatsachen und das theoretisierbare Orientierungswissen, mit dem wir Verbindungen herstellen, um uns so in der Welt zu orientieren, sei lebensweltlich immer schon verbunden. Eine solche Einheit von Praxis und Theorie liege, so Poser, bei den Wissenschaften „in der Struktur“: Alle Wissenschaften legen offen, was ihre Erkenntnisquellen, was ihre Voraussetzungen und die Regeln sind, nach denen jeweils geforscht wird, und wie ihre Begründungsstrukturen je aussehen. So unterschiedlich die Gegenstände der Forschung auch sein mögen, diese Struktur verbinde alle Wissenschaften – und sei als „Ausdruck der Vernunft“ zu verstehen.

 

Mit der Rolle der modernen Logik für die Einheit der Wissenschaften setzte sich Volker Peckhaus auseinander. Er betonte, dass Leibniz Logik als „Kunst der Beurteilung, Kunst des Findens wie auch der Lösung von Problemen durch Schlussfolgerungen“ verstand. Während Leibniz selbst die Logik in diesem Sinne als Teil einer allgemeinen Wissenschaft sah, der „scientia universalis“, wurden seine logischen Schriften bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht in der Philosophie, sondern vor allem in der Mathematik aufgenommen und weitergeführt.

 

Leibniz‘ Kreativität und die bis heute wirksamen Folgen seiner visionären Erfindungen, wie etwa der Rechenmaschine, der Infinitesimalrechnung oder des binären Zahlensystems – der Grundlage unserer gesamten computerbasierten Technologie – waren Gegenstand des Beitrags von Ludolf von Mackensen. Anschaulich beschrieb er die Entwicklung der Rechenmaschine durch Leibniz und ihre technische Komplexität, die es schließlich erlaubte, alle vier Grundrechenarten durch die Bewegung von miteinander verbundenen Zahnrädern und Zylindern auszuführen. Der Wissenschaftshistoriker Eberhard Knobloch führte diese Komplexität an einem Nachbau von Leibniz‘ historischer Rechenmaschine vor und gab damit ein eindrückliches Beispiel von dessen Erfindungsreichtum.

 

In seinem Abendvortrag machte Horst Bredekamp deutlich, dass Theorie immer mit Praxis einhergeht, der Gegenstandsbezug konstitutiver Bestandteil jeder geistigen Tätigkeit ist – entgegen der landläufigen Interpretation, Theorie und Praxis seien zwei voneinander zu trennende Bereiche der Wissenschaft (oder des Lebens und Alltagshandelns). Kunstgegenstände, Bilder und Fossilien seien für Leibniz zugleich Wissensspeicher und Anstoß zur Reflexion – umgekehrt könne Reflexion nicht abstrakt ablaufen, sondern brauche eine „Verkörperung“. Mit Leibniz’ Theorie, dass Erkenntnis von kontinuierlich kleinen, „unmerklichen Perzeptionen“, die ähnlich wie das Freud’sche Unbewusste im Verborgenen wirkten, zu „klaren und unterschiedenen Begriffen“ führe, erläuterte Bredekamp einen weiteren Aspekt des untrennbaren Zusammenhangs von Leben und Denken: Das Anarchische, oft Verworrene und Dunkle des Lebens ist Voraussetzung für die Klarheit des Begriffs. Das Dunkel bildet den notwendigen Hinter- und Untergrund für die Helle des Lichts und Klarheit der Farbe. Besonders deutlich wurde dies am Verhältnis von Grund und Figur in der Malerei.

 

Im zweiten Teil der Tagung am 25. Juni 2015 wird die Verantwortung der Wissenschaft im Mittelpunkt stehen – ein zentrales Thema in den Lebenswissenschaften, aber auch relevant für die Strukturen und Ziele von Bildungs- und Forschungseinrichtungen wie Universitäten und Akademien.

 

Mehr Informationen und Veranstaltungshinweise unter http://jahresthema.bbaw.de/

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Pressekontakt:
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Koordination Jahresthema 2015|16 „Leibniz: Vision als Aufgabe“
Dr. Juliane Schiffers
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